Immer der Neugier nach

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Dagny Rößler als Reporterin unterwegs bei der NDR-Sommertour. „Wir kommen gerade von der Pferdebahn", sagen Jacqueline Fahlbusch und Hannelore Kersting. Sie haben für die Stadtwette drei riesige Hüte mit Blütenpracht gebastelt. ©Björn Siebke

Unter Journalisten heißt es: „Die Themen liegen auf der Straße.“ Also setze ich jeden Tag meine Füße vor die Redaktionstür, um nach Themen zu suchen. Bei jedem Gang auf den Wochenmarkt spitze ich meine Ohren. Viele Celler kennen mein Gesicht aus der Zeitung und sprechen mich an: „War das heute wieder schwer, auf dem Schützenplatz einen Parkplatz zu finden“, stöhnen sie. Jeden Hinweis speichere ich im Kopf auf einer Themenliste ab.

Heute ist die Celler Innenstadt besonders voll. Das liegt daran, dass der NDR zu Gast ist und seine Bühne für die Sommertour aufgebaut hat. Da ich an diesem Wochenende im Dienst bin, lockt mich meine Neugier zum Großen Plan. Ich will mal sehen, wie weit Organisatoren und Helfer mit dem Aufbau sind.

Die Kulisse für die Stadtwette steht schon. Denn die Celler müssen es schaffen, 500 Briten in die Altstadt zu holen. Als Reporterin muss ich Ohren und Augen überall haben. In Ruhe studiere ich die Kulisse, während die Ehrenamtlichen um mich herumwuseln. „Was macht bloß dieser Esel am Strand?“, frage ich Sarah Jacobi von der CTM. Sie lotst mich zu drei waschechten Engländern, die beim Bau der Kulisse geholfen haben. „Den Esel gibt es in jedem Seebad. Der gehört einfach dazu“, erklären sie mir.

Ich lasse meinen Blick schweifen und entdecke Möwen, die gerade von den Jugendlichen der Freiwilligen Feuerwehr gebastelt werden. Ich will es ganz genau wissen und frage, wie viele Möwen es sind. Journalisten lieben Zahlen. Wir brauchen sie, um Nachrichten zu machen. „500 Papiermöwen gebastelt“, schreibe ich später in meinem Text.

Bereits vor Veranstaltungsbeginn sammele ich Details, damit ich mich später auf andere Dinge konzentrieren kann. Schließlich landet die Essenz meiner Eindrücke in einer Reportage. Was im fertigen Text in der Zeitung locker daherkommt, ist mühsame Kleinstarbeit.

Eine Stunde vor der Fernsehaufzeichnung drehe ich wieder meine Runden. Zwei Kollegen fotografieren die lustigsten Verkleidungen. Doch was ist schon ein Bild, wenn man die Geschichte dahinter nicht kennt? Also frage ich die Kostümierten aus: „Wie lange hat das Styling gedauert?“ Uwe Winnacker verrät mir sogar, dass er die Uniform für sieben Euro bei Ebay ersteigert hat.

„Celle außer Rand und Band – da muss man doch dabei sein“, erzählt mir Jörg Lehr in der Styling-Lounge. Dort werfe ich einen Blick hinter die Kulissen und sehe, wie hier gewerkelt wird. Richtig spannend wird es, als sich die Westcellertorstraße mit Briten füllt. Ich sauge die Stimmung auf und muss aufpassen: Denn die NDR-Mitarbeiterin mit dem Personenzähler geht nur zum 500. Celler und nicht bis zum Schluss durch. Auch diese Info werde ich in meinen Text einarbeiten.

Als die Celler nach Hause ziehen, merke ich, wie die Stimmung kippt. Nach der ausgelassenen Party betritt Albert Hammond die Bühne und schläfert einige Zuhörer förmlich ein. Ich registriere dies, ordne es später ein. Denn nach den leiseren Tönen zieht er mit seinen Hits, die Whitney Houston, Neil Diamond und Ace of Base gesungen haben, richtig an. Spätestens bei „Nothing’s Gonna Stop Us Now“ stimmen alle ein. Wer kann die Celler heute noch aufhalten?