Anekdoten aus der Redaktion: Wenn die Gäule durchgehen

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Auch hier mischte die CZ aktiv mit: Beim „Tag der Niedersachsen" feierte Christian Wulff seinen Geburtstag und bekam eine außergewöhnliche Geburtstagstorte vom Celler Konditormeister Rolf Baxmann (rechts). ©Peter Müller

Ehrlich – wir bekommen gern Besuch. Wir hatten schon Schlangen in der Redaktion, Affen, Clowns, Diebe, Künstler und natürlich jede Menge Politiker. Einer, der uns immer in Erinnerung bleibt, war der Sänger Heinz Bövers. Die Liebe, der Spargel und die Heide waren für ihn das Größte. Der kräftig gebaute Heidesänger kam regelmäßig zu uns in die Redaktion – mit seiner Gitarre und einem Lied auf den Lippen. Auch der Ulli aus Hermannsburg stand unerwartet im Büro: „Ich produziere Filme in Berlin. Wollt ihr was drüber schreiben?“ Natürlich. Drum unser Appell an alle, die etwas zu zeigen oder erzählen haben: Kommt einfach bei uns vorbei.

Es gibt aber auch Momente im Berufsleben eines Journalisten, mit denen schwer klarzukommen ist. An einem Montagnachmittag war es so weit. Das Telefon klingelte und ein Mann war am Telefon. Offensichtlich sehr wütend. Es war der Vater eines 18-Jährigen, der am Tag zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Laut Polizei waren er und ein Freund auf dem Weg zur Disco ein Rennen gefahren. Die CZ hatte an diesem Tag darüber berichtet. Der Vater störte sich daran, dass im Bericht stand, dass das Auto seines Jungen getunt war und dies in negativen Zusammenhang mit der Unfallursache gebracht wurde. „Wollen Sie den jungen Leuten ihren Spaß am Hobby nehmen?“, fragte er. Dieser Blickwinkel überraschte völlig. Was soll man sagen?

Merkel im fernen Berlin zu kritisieren ist einfach. Vor Ort aber muss man auf direkte Reaktionen gefasst sein. Ein Verwaltungschef fragte mich einmal, wie ich damit umgehe, dass er und seine Familie in ihrem Ort beschimpft würden. Es ging um einen Kindergarten, den der Verwaltungschef nicht so fördern wollte, wie es die Eltern sich wünschten. Eigentlich war die Berichterstattung gar nicht so kritisch, aber allein durch das Bekanntwerden brach ein Sturm der Entrüstung im Dorf aus. Die Kinder des Mannes wurden in der Schule beschimpft, seine Frau beim Bäcker nicht mehr bedient. Ja, oft lassen sich die Auswirkungen negativer Presse nicht vorhersehen. Doch wo sollen wir Grenzen der Kritik ziehen?

Stellen Sie sich vor, ihr Bericht sorgt dafür, dass in einem Ort der Schießstand des Schützenvereins aus Sicherheitsgründen dicht gemacht wird – zwei Wochen vor dem Schützenfest. Weil Sie die Mängel aufgedeckt hatten. Drei Tage später müssen Sie genau dorthin zur Ratssitzung. Sie hätten ihren Wagen sicher auch ein paar Straßen um die Ecke geparkt.

Und dann war da noch die Sache mit Rita Süssmuth. Die Präsidentin des Deutschen Bundestages war für ein Interview zum Thema Aids in die Redaktion gekommen. Ein übermotivierter Kollege konfrontierte sie mit der Frage: „Warum tätowiert man Aids-Kranken nicht ein >A< auf den Allerwertesten?“ Peinlich. Frau Süssmuth brach das Gespräch ab. Verständlich.

Manchmal gehen mit uns in der Redaktion tatsächlich die Gäule durch. So auch im letzten hier genannten Beispiel. Als im Celler Stadtgebiet ein bekanntes Freudenhaus abgerissen wurde, titelte die Lokalredaktion launisch: „Und den letzten Stoß tat der Bagger.“ Bedingt witzig, befanden die Verantwortlichen. Wir entschuldigen uns für diesen Fauxpas – und stellvertretend für alle, die da sicherlich noch kommen werden.