Was mit einer kleinen Recherche begann…

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Als ein Kollege Ende 2009 am Newsdesk der Celleschen Zeitung erzählte, dass „die rechte Hand von Adolf Hitler“ in Celle gestorben sei, wurde Andreas Babel hellhörig. Damals war der Redakteur erst wenige Monate als Blattmacher für die Koordination der gesamten CZ-Berichterstattung zuständig. Sofort war ihm klar, dass das eine große Geschichte war. Doch, so fragte er sich, warum hatten weder er noch irgendein Kollege jemals gehört, dass einer der letzten noch lebenden Adjutanten des Diktators jahrzehntelang in Celle gewohnt hatte?

Unser Haus entschied sich, eine siebenteilige Serie über Fritz Darges, „den Adjutanten Hitlers“, zu veröffentlichen. Babel hatte dazu mit vielen Wegbegleitern des einstigen SS-Offiziers und weiteren Zeitzeugen gesprochen. „An dem Umstand, dass Fritz Darges hier in Celle in der ,besseren Gesellschaft‘ angekommen war, störten sich wenige. Dem Mann, der so nahe am Zentrum des NS-Terrors gewirkt hatte, waren keine Kriegsverbrechen nachzuweisen. Die schreckliche Enthüllung betraf seine Frau Helene Darges-Sonnemann, die während der NS-Zeit am Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgs­ort behinderte Kinder getötet hat“, erzählt Babel.

Als ein Dreivierteljahr später eine Doktorarbeit über dieses Thema im Internet veröffentlicht wurde, in der so gut wie nichts über die Täterinnen ausgeführt wurde, reifte im CZ-Redakteur der Entschluss, auch die Lebensgeschichten der anderen Ärztinnen zu recherchieren, die an dem besagten Hamburger Kinderkrankenhaus mindestens 56 Kinder ermordeten.

Dass diese Recherche den Rahmen einer Artikelserie in der CZ sprengen würde, war Babel schnell klar. Es musste ein Buch über dieses ungeheuer widerliche Verbrechen und die Menschen, die daran beteiligt waren, werden. Jahrelang stellte Babel neben dem Tagwerk für die CZ Nachforschungen an, suchte im ganzen deutschsprachigen Raum nach Zeitzeugen, wälzte Akten in Archiven und fand über alle Medizinerinnen Interessantes heraus.

Anfang 2015 erschien sein Buch „Kindermord im Krankenhaus“. Länger als ein Jahr hatte er einen Verlag gesucht, fand ihn schließlich mit der „Edition Falkenberg“ in Bremen. Mittlerweile sind dort zwei weitere Bücher anderer Autoren auf diesem historischen Gebiet erschienen.

Mit Vorträgen, vorwiegend in Norddeutschland, aber auch in Südtirol, macht Babel seitdem auf das Thema aufmerksam. Mehr als 30 davon hat er bislang gehalten. Im August des vergangenen Jahres erschien zudem die zweite Auflage seines Buches. Babel hat es um weitere historische Fotos und um 16 Seiten ergänzt. War es im ersten Fall die Celler RWLE Möller Stiftung, die das Vorhaben mit einem Druckkostenzuschuss unterstützt hatte, so förderten diesmal die Bürgerstiftung Celle und die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin die Veröffentlichung.

„Es ist mir wichtig, dass sich vor allem Jugendliche mit dem Thema auseinandersetzen. Deshalb komme ich auch gerne mit Schülern zusammen, wenn deren Lehrer mich einladen. Wir müssen daraus lernen, dass man den Menschen nicht bewerten darf, sondern dass man ihn annehmen muss in all seiner Eigenart“, sagt Babel.

Was man durch die Lektüre des Buches auch gut nachvollziehen kann, ist, wie leicht gebildete Menschen zu manipulieren sind. „Es gab nämlich mindestens zwei Ärztinnen, die gegen die Tötung Behinderter waren, die aber dennoch jeweils ein Kind totgespritzt haben“, sagt er. Das Thema wird ihn noch lange bewegen.