Journalismus im Zugriff des Postfaktischen

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Wir leben heute in einer Zeit, in der Emotionen wie Hass, Wut und Angst mehr Gewicht haben als „kalte“ Zahlen, Statistiken und Fakten. Populistische Parolen greifen Grundstimmungen auf und verstärken latente Vorurteile. Die Gesellschaft spaltet sich wie vielleicht nie zuvor in gegensätzliche Lager, die ihre Meinungen in geschützten Online-Foren befeuern und Gegenargumente gar nicht erst zur Kenntnis nehmen. Was in erster Linie zählt, ist das eigene „Gefühl“. Das Gefühl für „meine“ Wahrheit. In dieser selbstgeschaffenen Welt stört es ungemein, wenn omnipräsente Medien – egal ob online, per Funk oder auf Papier – Inhalte, Bilder oder Tatsachen vermitteln, die nicht in das jeweilige Weltbild passen.

„Lügenpresse“ – was für ein furchtbar diffamierendes Wort. Es ist kurz davor, gesellschaftsfähig zu werden. Wer regt sich noch darüber auf, wenn ideell radikalisierte Menschenmassen „Lügenpresse“ in laufende Kameras brüllen? Wer sich diesen unkontrollierten Wutbürgern entgegenstellt, wird niedergebrüllt, wenn nicht sogar niedergeschlagen. Die Medien sind dabei, ihre von Jean-Jacques Rousseau bereits im 19. Jahrhundert definierte Rolle als vierte Säule des Staates neben Legislative, Exekutive und Judikative zu verlieren. Die so genannte „Vierte Gewalt“ droht von der neuen „Fünften Gewalt“ regelrecht erdrückt zu werden – von Lobbyisten und Social-Media-Communities.

Ersetzen wir das Schimpfwort „Lügenpresse“ durch den wissenschaftlich geprägten Begriff „postfaktisch“. Was das ist? Es ist die Grundlage für die heutige Situation. Der griechische Philosoph Epiktet hat schon im ersten Jahrhundert nach Christus festgestellt: Nicht die Tatsachen bestimmen über das Zusammenleben, sondern die Meinungen über die Tatsachen. Das Wort postfaktisch ist eine Zusammensetzung aus „post“, also nach oder danach, und „Fakt“ für Tatsache – also „nachfaktisch“. Soll heißen: Fakten sind nachrangig.

„Das, was ich fühle, ist die Realität.“ Ein typischer postfaktischer Ansatz. Politisch entwickelt sich daraus eine Art Gefühlsdemokratie. In ihr werden Tatsachen nur dann zur Kenntnis genommen, wenn sie die eigene Wahrnehmung stützen. Ansonsten werden sie negiert. So biegt man sich seine persönliche Wahrheit zurecht. Beispiele hierfür gibt es aktuell in den höchsten Ämtern: Donald Trump als US-Präsident, Recep Tayyip Erdogan als Präsident der Türkei oder auch Wladimir Putin als russischer Präsident. Wie können wir – die Medien – also dem „normalen“ Wutbürger vorwerfen, diese öffentlich vorgelebte Art der Meinungsbildung anzunehmen?

„Lügenpresse“. Habe ich schon einmal gelogen? Als Journalist? Zumindest nicht bewusst. Habe ich Tatsachen ignoriert? Habe ich Fakten weggelassen oder in meinem Sinne eingesetzt? Ja. Journalismus besteht zum größten Teil aus Weglassen und Zuordnen. Jede Nachricht kann nur unvollständig sein. Jede Information, die veröffentlicht wird, ist – wenn man so will – „zensiert“, weil nicht jeder Aspekt des Themas berücksichtigt werden kann. Aber Lügen? Nein. Die Presse als Ganzes lügt nicht. Durch die Vielfalt der Veröffentlichungen bildet sie am Ende immer die Wahrheit ab.

Was nutzt das, wenn man uns, der Presse, die Wahrheiten nicht mehr abnimmt? Wir können dem Zweifel an unserer Glaubwürdigkeit nur mit der Qualität unserer Arbeit entgegenwirken. In Zeiten, in denen der Einzelne oder auch die Gruppe virtuell an den Pranger gestellt wird, müssen wir unsere journalistischen Potenziale verstärkt einsetzen: hinterfragen, erklären, einordnen und kommentieren. Nichts wird der Glaubwürdigkeit der Medien mehr schaden, als sich aus Furcht oder Frust nicht mehr einzumischen. Lassen wir es nicht zu, dass die Schreihälse uns oder unsere Arbeit diskreditieren. Demonstrieren wir gemeinsam Stärke.

Niemand von uns ist vor Fehlern gefeit, doch in ihrer Gänze ist die Presse in Deutschland immer noch ein Korrektiv, das Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung nehmen kann und muss. Es ist ein Teil unserer historischen Verantwortung, nicht vor den Trumps und Erdogans dieser Welt klein beizugeben. Manchmal sei derzeit tatsächlich so etwas wie ein „Sound of Weimar“ zu hören, urteilt der Historiker Jürgen Zarusky vom Münchner Institut für Zeitgeschichte mit Blick auf das Klima der politischen Auseinandersetzung in diesen Tagen. Ein harter Vergleich. Abwegig?

Noch ist nicht die Zeit, das Knallen der Stiefel der SA-Kolonnen in den Straßen in Erinnerung zu rufen, die das Ende der Weimarer Republik einleiteten. Noch sind es nur bunte Horden der Wutbürger, die weitgehend unorganisiert ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Noch erscheinen unsere Demokratie gefestigt und unsere Medien gewappnet, der digitalen Propaganda des Postfaktischen erfolgreich entgegenzutreten. Aber das muss so nicht bleiben. Das Erstarken von rechtspopulistischen Bewegungen in vielen Teilen der Welt muss uns eine Warnung sein. Überall dort, wo kritischer Journalismus gestört, unterdrückt oder sogar kriminalisiert wird, wird das demokratische System in seinen Grundfesten angegriffen.

Die „freie“ Presse ist in der Pflicht und Verantwortung, ihre Freiheit zu erhalten. Das kann sie nur, wenn sie sich auch gegen Fehlentwicklungen von innen heraus wehrt. Wird ihre Unabhängigkeit durch wirtschaftliche Zwänge beschädigt, so leidet darunter die Glaubwürdigkeit aller Medien. Insofern muss man sich in den Verlagen die Frage stellen, ob die Bündelung von Tageszeitungen unter einem Konzerndach bei gleichzeitigem Abbau des journalistischen Personals der richtige Weg aus der Krise ist. Denn jede eigenständige politische Redaktion trägt zur Meinungsvielfalt in Deutschland bei.

Der Leistungsdruck auf den einzelnen Journalisten steigt von Monat zu Monat. Das ist in Celle nicht anders als in Hannover, Braunschweig oder Hamburg. Gerade im Lokalen werden die Maßstäbe immer höher gesetzt. Interessante Themen, menschlich verpackt und mit hohem Nutzwert für den Leser – das muss es sein. Natürlich medial differenziert aufbereitet für Print, online und Social Media. Gleichzeitig müssen die Zeitungs- und Magazinseiten gefüllt werden. Ein ständiger Konflikt von Qualität und Quantität.

Und genau hier schließt sich der Kreis. Der Leser bemerkt die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der Berichterstattung. Wenn er die Seiten der Tageszeitung durchblättert, sucht er nach den originären, interessanten, für ihn relevanten Themen. Seien wir bitte nicht so selbstgerecht, zu behaupten, dass er in einem Füllhorn von genialen Storys einfach fündig werden muss. Im redaktionellen Alltag bekommt die journalistische Idealvorstellung schnell arge Schrammen: Nachrichten, die man vor 15 Stunden im Fernsehen mitverfolgt hat; trockene Agenturberichte ohne persönlichen Mehrwert; wenig aufbereitete Pressemitteilungen aus Wirtschaft und Verwaltung; Pflichtberichterstattung von Terminen.

Bitte nicht falsch verstehen. Alle diese Dinge haben gute Gründe und auch die Berechtigung, einen Platz in der Zeitung zu finden. Aber das interessiert den Leser nicht. Er erwartet journalistische Leidenschaft. Er will das Feuer der ganz besonderen Story spüren. Für ihn muss Zeitung ihren Wert jeden Tag neu beweisen.

Versuchen wir, die Menschen wieder für das Medium Zeitung zu begeistern – ob auf Papier oder digital, ist dabei völlig egal. Wir müssen mit Qualität die Lust am Lesen wecken. Damit werden wir uns als Marke stärken und Vertrauen in unsere Inhalte zurückgewinnen. Zum Recherchieren, Analysieren und Kommentieren bedarf es allerdings des Faktors „Mensch“. Von allein entsteht keine journalistische Qualität.

Wir werden dem Tal der Tränen nur mit dem Bewusstsein eigener Stärke und dem Willen zur Qualität in der Berichterstattung entsteigen. Journalist zu sein, ist nicht nur ein Job. Wir müssen die Menschen, über die wir schreiben, wertschätzen – unsere Arbeit lieben und unserer Verantwortung gerecht werden. Die Leser werden es honorieren, und der Journalismus wird das postfaktische Zeitalter überdauern. So wie Don Quijote die Hammelherden für mächtige Heere hält und bekämpft, so beschimpfen uns die Wutbürger im Moment allesamt als Lügner. Das können wir aushalten. Die Postfaktischen sind die Don Quijotes unserer Zeit – Ritter von der traurigen Gestalt.