Im Spannungsfeld der Zeitgeschichte

Seit dem 10. März 1920 feierte das „Freikorps Generalfeldmarschall von Hindenburg" seinen Gründungstag in Celle. Der Namensgeber war stets anwesend und bis 1925 gab es an diesem Tag schulfrei. Hier schüttelt Paul von Hindenburg dem jungen Verleger Ernst Pfingsten die Hand. ©CZ-Archiv

Wenn eine Zeitung 200 Jahre alt wird, ist das etwas Besonderes. Nicht viele Blätter können auf solch eine lange Tradition zurückblicken. Dass dann auch noch die Nachfahren der Gründerfamilie das Unternehmen leiten, ist etwas wirklich Bemerkenswertes.

Besonders ist es, weil in den zurückliegenden 200 Jahren viele politische Umwälzungen stattfanden, und unruhige, wechselvolle Zeiten durchstanden werden mussten. Verschiedene politische Systeme bestimmten das Zeitgeschehen. Auf die französische Besatzungszeit Celles folgte das Königreich Hannover. Ab 1866 war Celle preußische Provinzstadt, seit 1871 gehörte sie zum deutschen Kaiserreich und nach 1918 zur Weimarer Republik. Während der zwölf Jahre dauernden nationalsozialistischen Herrschaft erschien die „Cellesche“ durchgehend, um schließlich in der noch jungen, demokratischen Bundesrepublik ab 1949 wieder zu erscheinen.

Dass sich in allen Zeiten nicht nur mit den politischen Umständen arrangiert, sondern auch mit Mitbewerbern umgegangen werden musste, versteht sich von selbst. Überdies galt es, den Betrieb auch technisch stets auf der Höhe der Zeit zu halten.

Bemerkenswert wird die Geschichte der Celleschen Zeitung jedoch durch die persönliche Leistung der Verlegerfamilie und ihrer Mitstreiter. Denn die 200-jährige Erfolgsgeschichte des Verlages ist in erster Linie der Verdienst engagierter Menschen: Derjenigen, die täglich dafür sorgen, dass die Zeitung mit Inhalten gefüllt wird, dass sie gedruckt und zugestellt wird, und eben auch derer, die das unternehmerische Risiko tragen und die richtungsweisenden Entscheidungen treffen und verantworten müssen.

200 Jahre Firmengeschichte verbunden mit acht Generationen Verleger-Familiengeschichte sind ein Beweis dafür, dass alle Beteiligten in der Vergangenheit gute Arbeit geleistet haben und dass dabei häufiger richtig als falsch entschieden wurde.

Der Charakter der „Celleschen“ als Heimatzeitung, also einer vor Ort recherchierten und produzierten Zeitung mit deutlichem Lokal- und Regionalbezug, eröffnet in der historischen Rückschau mannigfaltige Möglichkeiten. Die Geschichte des Blattes ist vielfältig mit der Stadt- und Landesgeschichte verknüpft. Sie ist außerdem ein Spiegelbild des technischen Fortschritts, der gesellschaftlichen Entwicklung im Allgemeinen und der Evolution des Mediums Zeitung im Speziellen.

Die Gründung des Verlags Schweiger & Pick durch den Schriftsetzer Ignaz Schweiger und den Buchdrucker Conrad Pick fand zu einer höchst dramatischen Zeit statt. Celle war von Franzosen besetzt. Von Kassel aus regierte König Jerome, ein Bruder Napoleons, und reformierte das alte Verwaltungssystem des hannoverschen Landes. Alle Bürger sollten vor dem Gesetz gleich sein.

Hatten Schweiger und Pick unter der alten kurhannoverschen Regierung noch keine Chance gehabt, eine Buchdruckerei in Celle zu eröffnen, weil sie am Privileg der alteingesessenen Hofbuchdruckerfamilie Schulze scheiterten, brach nun eine neue Zeit für sie an.

Auch wenn die französisch-westfälische Gewerbefreiheit nur ein kurzes Intermezzo war, die kurhannoverschen Machthaber wieder die Regierung übernahmen und in Celle wieder altes Recht galt, hatte sich doch Tiefgreifendes geändert. Einige der revolutionären, gesellschaftlichen Neuerungen ließen sich nicht so einfach zurückdrehen.

Schweiger und Pick durften nicht nur weitermachen, sondern ihnen wurde 1817 sogar gestattet, eine Zeitung herauszugeben. Unter strikter Zensur versteht sich und auch nur, weil zunächst der Pastor Georg Beneken aus Nienhagen, ein hannovertreuer Mann mit publizistischen Erfahrungen, für den Inhalt verantwortlich zeichnete.

Für die Zeitungsverleger galt es, sich das Wohlwollen der Regierenden zu bewahren und die jederzeit widerrufbare „allerhöchste königliche Genehmigung“ nicht zu verlieren.

Bislang genügte es der Regierung, alle offiziellen Bekanntmachungen und amtlichen Nachrichten mittels des 1750 gegründeten „Hannoverschen Anzeiger“ vom Regierungssitz aus zu verbreiten. In den ersten Jahren seines Bestehens durften im „Zelleschen Anzeiger“ keine amtlichen Bekanntmachungen veröffentlicht werden. Dabei hatte Pastor Beneken den Celler Ämtern sogar den kostenlosen Abdruck ihrer Verlautbarungen angeboten.

Das neue Celler Wochenblatt sollte die Wirtschaft beleben helfen, indem es Gewerbetreibenden und Privatkunden ermöglichte, Anzeigen zu schalten. Auch sollte die Bevölkerung unterhalten werden – mit rein Schöngeistigem, versteht sich. Politische Diskussionen oder gar demokratische Ideen durften jedoch keinesfalls verbreitet werden. Darauf wurde streng geachtet.

Auch als im März 1848 die Pressezensur vorübergehend abgeschafft wurde, hielt sich die Herausgeberin der „Cellesche Anzeigen“ daran und blieb der kritiklosen und unpolitischen Linie treu. Lediglich aus den Leserbeiträgen lassen sich die damaligen, politisch umwälzenden Ereignisse herauslesen.

Seit 15. Mai 1848 erschien mit der Wochenzeitschrift „Die Reform“ ein politisches, liberales Blatt, das von der Celler Buchhandlung Capaun-Karlowa verlegt und bei Schweiger & Pick gedruckt wurde. Jedoch endete dieser erste Versuch, in Celle eine politische Zeitung zu etablieren, bereits am 29. Dezember 1848. Die Abonnenten blieben aus. Die Celler Bevölkerung war offenbar noch nicht bereit.

In dieser Phase traf Johanna Heuer, geb. Schweiger, als zweite Verlegergeneration, wegweisende Entscheidungen. Nach dem frühen Tod ihres Mannes Friedrich Wilhelm Heuer, der seinem Schwiegervater Ignaz Schweiger den Betrieb 1833 abgekauft hatte, übernahm sie die Verantwortung für den Familienbetrieb und leitete ihn über 30 Jahre lang.

Eine Frau, die im 19. Jahrhundert eine Lokalzeitung herausgab – und das mit großem Erfolg – ist ebenfalls bemerkenswert. Durch ihren Einsatz schuf Johanna Heuer eine wichtige Voraussetzung für die heute gefeierte Erfolgsgeschichte.

Ihre beiden Töchter Minna und Clara verheiratete sie entsprechend, um die Zukunft des Familienbetriebes zu sichern. Minna heiratete ihren Cousin Ignaz Schweiger aus Clausthal, der 1867 in das Geschäft einstieg. Er erschien als Redakteur im Impressum, schied allerdings nach kurzer Zeit wieder aus und gründete eine eigene Zeitung mit dem Titel „Cellesche Nachrichten“ – Konkurrenz aus der eigenen Familie. Allerdings erschien das Blatt nur unregelmäßig und ging ein.

Nun beauftragte Johanna Heuer ihren anderen Schwiegersohn, den Kaufmann Georg Heinrich Pfingsten, mit der Leitung der Firma. Er hatte vielfältige Berufserfahrungen und war gut vernetzt, wie man heute sagen würde. Unter seiner Führung gelang der Sprung in eine neue Zeit. Im mittlerweile preußischen Celle erweiterte er die Zeitung entscheidend. Pfingsten führte den Titel „Cellesche Zeitung und Anzeigen“ ein, weitete den redaktionellen Teil aus und brachte die Zeitung nun in einem deutlich größeren Format heraus. Im Jahr 1881 stellte er auf tägliches Erscheinen um und machte aus der „Celleschen“ eine Tageszeitung.

Georg Heinrich Pfingsten war eine ausgezeichnete Wahl als Vertreter der dritten Verlegergeneration. Er galt als hannovertreu, was ihm die wichtige Sympathie der Bevölkerung, insbesondere der welfentreuen Landbevölkerung einbrachte. Andererseits gelang es ihm auch, das Vertrauen der preußischen Beamten zu gewinnen. Die Cellesche Zeitung wurde zum Amtlichen Kreisblatt erhoben. Sie konnte dadurch ihr Verbreitungsgebiet und damit verbunden auch die Auflage deutlich erweitern, was für das Weiterbestehen und wirtschaftliche Gedeihen der Firma einen überaus wichtigen Faktor darstellte.

Zweimal verlor die Cellesche Zeitung diesen wichtigen Status. Ab 1. April 1919 erschien stattdessen die „Niedersächsische Landes-Zeitung“ als Amtliches Celler Kreisblatt. Erst nach geschäftlicher Übernahme des Konkurrenten gelang es im Herbst 1922, den Kreisblattstatus zurückzubekommen. Im Oktober 1929 entzog die Regierung den Titel wieder für kurze Zeit. Grund war ein als reaktionär eingestuftes Flugblatt, das der Celleschen Zeitung beigelegen und den Eindruck erweckt hatte, Teil des Blattes zu sein.

Es wird deutlich, dass die Verantwortlichen stets bemüht sein mussten, sich das Vertrauen der Obrigkeit zu erhalten. Die Regierenden nutzten ihrerseits diese Abhängigkeit, um die politische Ausrichtung der Celler Tageszeitung gewissermaßen „auf Linie“ zu halten.

Als in der Zeit des Ersten Weltkriegs zwei Brüder den Verlag Schweiger & Pick führten, gab es keine Probleme in diesem wechselseitigen Miteinander zwischen Zeitung und Verwaltung. Der Major im Ruhestand Hermann Pfingsten verkörperte seinerzeit den militärisch strengen Zeitgenossen. Die in den damaligen Ausgaben der „Celleschen“ von der Bevölkerung geforderten Entbehrungen des täglichen Lebens und die vielfältig abgefragte Opferbereitschaft der Celler Bürger lebte Hermann Pfingsten vor. Er war vor allem streng zu sich selbst und hungerte sich, streng nach Ernährungsvorschriften, 1917 schließlich sogar zu Tode.

Ab 1920 übernahm mit Ernst Pfingsten eine jüngere Verlegergeneration – die fünfte mittlerweile. Wieder waren es sehr unruhige und wechselvolle Zeiten. Die Zeitung folgte einem stramm bürgerlich-nationalen Kurs und wehrte sich in Celle vor allem gegen „linke Kräfte“.

Die zunehmend an Einfluss gewinnenden Nationalsozialisten wurden weder hofiert noch bekämpft. Nach ihrer Machtübernahme schwenkte die Berichterstattung der Celleschen Zeitung recht schnell ein und übernahm teilweise den Sprachduktus der neuen Machthaber. Wobei an dieser Stelle angemerkt werden muss, dass die Gleichschaltungsgesetze und massive Kritikunterdrückung des Regimes, insbesondere im medialen Bereich, seinerzeit eine kritische journalistische Auseinandersetzung erschwerten.

Bis zum Ende der unheilvollen Zeit durfte die Cellesche Zeitung weiter erscheinen. Während viele andere Verlage schließen mussten oder zusammengelegt wurden, gelang es Ernst Pfingsten, den Celler Betrieb weiter auszubauen. Als das Papier immer knapper wurde, stellte das NSDAP-Blatt „Celler Beobachter“ sein Erscheinen 1943 ein und ging stattdessen in der Celleschen Zeitung auf. Die CZ erschien nun mit einem Untertitel: Bis zum Einmarsch der Alliierten in Celle im April 1945 wurden Durchhalteparolen gedruckt.

Nach Kriegsende beschlagnahmten die Alliierten den Druckereibetrieb. Sie warfen dem Herausgeber vor, eine nationalsozialistische Zeitung publiziert zu haben. Das Blatt wurde verboten, der Verleger zur Umerziehung interniert.

Erst Monate nach Gründung der Bundesrepublik wurden das Berufsverbot gegen die Altverleger und der Lizenzzwang für Tageszeitung aufgehoben. Seit 1. Oktober 1949 erschien die Cellesche wieder regelmäßig. Ernst Pfingsten teilte sich die Leitung der Firma mit seinem Sohn Georg, der 1948 aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause zurückgekehrt war.

Viele Kriegsheimkehrer bekamen bei der Celleschen Zeitung eine Chance zum Neuanfang. Unter ihnen auch solche, deren Ansichten noch vieles gemeinsam hatten mit der Zeit, die man in der noch jungen Bundesrepublik eigentlich hinter sich lassen wollte. In den Beiträgen einiger Redakteure tauchten völkisch-rassistische oder antidemokratische Vorurteile auf. Dieser „traditionelle Geist“ änderte sich erst allmählich. Als Redakteur Günter Just 1968 die Freilassung von Rudolf Hess forderte und die Bundesregierung wegen ihrer „Untätigkeit“ für Verbrechen an der Menschlichkeit beschuldigte, schmiss ihn Georg Pfingsten raus.

Bis in die 1970er Jahre kam es aber immer mal wieder zu Irritationen wegen rückwärtsgewandter Denkmuster einzelner Redakteure. Andere Nachrichtenhäuser berichteten darüber, Vereine und kirchliche Einrichtungen beschwerten sich. Verleger Georg Christian Pfingsten äußerte 1987 darauf rückblickend, dass es „ein gutes Zeichen für den Pluralismus ist, den eine Zeitung pflegen sollte, wenn auch Auffassungen, die auf den ersten Blick nicht konform erscheinen mögen, zur Geltung kommen“.

Mittlerweile ist die Cellesche Zeitung längst in der modernen Welt angekommen. Sie präsentiert sich überparteilich und weltoffen.

Heute stellt die Gesellschaft neue Herausforderungen an ihre Tageszeitung. In angeblich „postfaktischen Zeiten“, wenn unliebsame Wahrheiten und redaktionelle Inhalte immer öfter als „Fake-News“ diffamiert werden und das Unwort „Lügenpresse“ die sachliche Berichterstattung erschwert, hat die traditionelle Heimatzeitung eine besondere Stellung: Hier arbeiten Redakteure „zum Anfassen“. Sie besuchen Veranstaltungen, berichten über lokale Ereignisse und bereiten die Nachrichten der Presseagenturen für die Leser in Celle Stadt und Land auf. Als integraler Bestandteil einer vitalen Demokratie erfüllt die Cellesche Zeitung mit ihrer unabhängigen Vollredaktion somit auch in der Zukunft eine wichtige Funktion.