Mehr als nur Zeitung

Wenn der Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater eine Zeitung gründet, was heißt das dann für die berufliche Laufbahn der Nachfahren? Dass auch sie automatisch Zeitungsverleger werden? In „Erbmonarchie“ sozusagen? Im Grunde schon, sagt Friederike Pfingsten, Verlegerin in achter Generation, und nähert sich einer Antwort auf die Frage, wie sie damit umgeht.

100 Jahre. Eigentlich ein Grund zum Feiern und zum Rückblick. Doch 1917 herrscht seit drei Jahren Krieg in Europa. Bei der Celleschen Zeitung verzichtet man daher auf besondere Aktivitäten zum runden Geburtstag und schreibt lediglich, „die Herausgabe einer Geschichte solle für bessere Zeiten vorbehalten werden“. Georg Wilhelm Pfingsten hatte bis kurz vorher das Unternehmen in vierter Generation zusammen mit seinem Bruder Hermann geführt. Hermann jedoch war wenige Wochen zuvor verstorben, und auch sonst gaben die Umstände keinen Anlass für besonderes Innehalten angesichts des Jubiläums.

200 Jahre. Ein Grund zum Feiern und zum Rückblick. 2017 leben wir, zumindest in Deutschland, in einer friedlichen Zeit. Und so nehmen wir uns Gelegenheit, dieses Jubiläum zu begehen und – auch – zurückzuschauen. Ob man sich vor 100 Jahren bei der Celleschen Zeitung hätte vorstellen können, dass sich die Generationenfolge verdoppelt? Nach Georg Wilhelm übernahm dessen Sohn Ernst die Leitung des Unternehmens. Ihm folgte sein Sohn Georg, diesem wiederum dessen Söhne Georg Christian und Ernst Andreas. Schon ist die achte Generation erreicht: Ich, Friederike, bin nun Verlegerin.

Sieben Generationen sind mir vorangegangen, Gründer des Unternehmens ist mein Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater Ignaz Schweiger. Das erinnert an Erbmonarchie? Stimmt. Das Amt des Verlegers wird immer vom Vater auf den Sohn, in zwei Fällen auf die Tochter, weitergegeben. Es stellt sich die Frage: Mit welchem Selbstverständnis geht man da heran? Ich will versuchen, mich der Beantwortung anzunähern.

Verleger zu sein, heißt zunächst einmal Verlust. Nämlich den Verlust eines anderen Lebens, das man hätte führen können. Manch ein Vorfahre wäre Naturwissenschaftler geworden, Richter oder Musiker, wenn nicht die Pflicht – der Verlag – beizeiten gerufen hätte. Berufe wurden nun einmal von einer Generation zur nächsten weitergegeben, der Sohn eines Schmieds wurde ebenfalls Schmied. Und so wurde das Kind eines Zeitungsverlegers eben auch Zeitungsverleger. Ich glaube nicht, dass Für oder Wider großartig diskutabel waren.

Und heute? Wurde auch mir bereits symbolisch die Zeitung „in die Wiege gelegt“? – Ich bin mit einer größeren Nähe zu dem Medium aufgewachsen als andere meiner Generation. Seit meiner frühen Jugend lese ich täglich Zeitung. Mein Leseverhalten hat sich über die Jahre gewandelt: Als Kind und Jugendliche fand ich die „bunte Seite“ Weltspiegel spannend, die Glosse „Spot(t)“, dann die fröhlichen und traurigen Familienanzeigen auf den letzten Seiten. Im Studium fern der Heimat las ich nicht die Cellesche, sondern überregionale Zeitungen, interessierte mich für Politik und Feuilleton. Seit ein paar Jahren bin ich erwachsen und zurück in Celle – jetzt ist der Lokalteil das Wichtigste. Was passiert in der Altstadt? Wie kommt Celle wirtschaftlich voran? Gibt es Veranstaltungen, die mich als Mutter eines kleinen Kindes ansprechen?

Ich lese übrigens immer eine gedruckte Zeitung. Morgens brauche ich das, um mich zu sammeln und dem Tag anzunähern. Ich genieße die Ruhe und den ausführlichen Überblick, dass mich nichts anflimmert oder eingehende Push-Nachrichten meine Konzentration ablenken. Die digitale „Rush Hour“ beginnt ohnehin früh genug. Außerdem stören Brotkrümel auf dem Papier wesentlich weniger als auf einem elektronischen Gerät.

Trotz meiner offensichtlichen Verbindung zum Medium Zeitung kam es meinem Vater nicht in den Sinn, mir eine Vorherbestimmung aufzustempeln: „Später wirst du selbst Zeitungsverlegerin“ – das habe ich in meiner Kindheit und Jugend, als junge Erwachsene nie gehört oder auf anderem Wege vermittelt bekommen. Nun bin ich es doch.

Hätte ich es einfach sein lassen können? Könnte ich morgen gewissermaßen kündigen und etwas anderes machen? Das ist schwierig. Die Verantwortung holt einen ein. Sie mag ein altmodischer Wert sein, unzeitgemäß und weit weg von Selbstfindung, Selbstverwirklichung und allem, worin man heutzutage Lebenssinn sucht. Doch in Familienunternehmen, gerade im Mittelstand, ist nun einmal die Verpflichtung zum Erhalt immens groß.

Aber ist das nicht ungerecht? Sollte die Zeitung nicht besser neu, ohne Vorgeschichte, ohne die ganze Vergangenheit gedacht und gemacht werden? So, wie ich die Medienlandschaft derzeit zu beurteilen vermag, ist die bis heute bestehende Unabhängigkeit ein hohes Gut, das mit dem Verbleib in Familienhand einhergeht. Ohne diesen wäre die Übernahme durch eine der großen Verlagsgruppen und letztlich die Rationalisierung bis auf maximal eine Handvoll Reporter vor Ort vermutlich gemachte Sache.

Ich fühle mich verantwortlich – den Mitarbeitern gegenüber und den Lesern: Dafür, dass sie eine Zeitung haben, die nicht nur Hülle ist; deren Essenz des Lokalen echt und hier in Celle wirklich mit Leben gefüllt ist. Zugegebenermaßen haben wir mit unseren 200 Jahren in Sachen Innovation und Beweglichkeit durchaus Aufholbedarf – glauben Sie nicht, wir wüssten das nicht. Erfahrung und lokale Verankerung sind aber kostbare Werte, und die kann man nicht mal eben neu aufsetzen.

Wir machen hier in Celle mehr als nur Zeitung. Wir sind der Stadt und dem Landkreis tief verbunden durch vielerlei Aktivitäten und Initiativen – einen Einblick geben die nächsten Seiten dieser Beilage. Darin liegt mein Selbstverständnis: Ich möchte unsere Stadt voranbringen. Die Cellesche liegt mir am Herzen, und mit ihr untrennbar verbunden eben auch Celle. Dies ist unser Lebensraum, den wir lebenswert gestalten sollten. Mit diesem Ziel bin ich Verlegerin geworden.