Evolution des Journalismus - die Technik bestimmt mehr und mehr den Alltag. ©Götz Wiedenroth

Wir wollen uns ja nicht beschweren – aber die Zeiten, in denen unsere Reporter entspannt lächelnd mit Block, Stift und Kamera durch das Land zogen, die hat es nie gegeben. Dass die Technik unsere Arbeitswelt verändert hat, das ist unbestreitbar. Die Digitalisierung des Nachrichtenwesens ist heute umfassend, und das Internet hat das Zeitungsmachen revolutioniert – und ramponiert.

Gefordert ist mehr denn je die eierlegende Wollmilchsau: der unbeirrbare Rechercheur mit genialer Schreibe, meinungs- und layoutsicher, hintergründig im Print und zupackend im Internet, fähig, die Community bei Facebook zu begeistern. Schneller, besser, kleiner. Funktioniert das? Ansatzweise in personell gut ausgestatteten Online-Redaktionen großer Verlage. Zeitungen der Größenordnung einer CZ leben online jeden Tag den Kompromiss. Nicht mehr.

Ja, wir sind online. Auf www.cellesche-zeitung.de sind wir mit jedem denkbaren Ressort präsent. Nachrichten aus New York, Rio, Tokio, Moskau oder Bagdad erreichen unsere Leser in Sekunden- oder besser Minutenschnelle. Wir haben das Weltgeschehen im Griff – dank der Agenturen, die uns zuliefern. Doch ist es das, was zählt? Suchen die Celler bei uns im Portal die große Politik?

Ganz sicher nicht. Von den wöchentlich rund 45.000 Besuchern unseres Internetauftritts (bei besonderen Themen liegen die Zahlen auch schon mal deutlich höher) klickt der kleinste Teil auf überregionalen Sport, Kultur, Wirtschaft oder Politik. Es ist die Begleitmusik. Es ist da, weil es erwartet wird. Nicht unbedingt von den Lesern, aber im Anspruch an uns selbst. Was zählt, ist das Lokale: Lokalsport, Lokalkultur, Lokalpolitik. Polizeiberichte, Gerichtsberichte, Vereinsnachrichten – und nicht zuletzt auch lokale Anzeigen.

Ja, genau hier lag und liegt die Stärke der CZ – und gleichzeitig zeigt sich genau hier auch ihre größte Schwäche. Was in der gedruckten Zeitung über Jahrzehnte – sogar Jahrhunderte – gut funktioniert hat, wird online heute zu einer kaum lösbaren Herausforderung: die aktuelle und umfassende Information über das Geschehen in der Heimat. Wieso? Weil wir als CZ uns immer noch mitten in der digitalen Revolution befinden – zumindest lokal.

Für Agenturen wie die Deutsche Presseagentur (dpa) oder den Sportinformationsdienst (sid) hat das Internet strukturell im Grunde nichts verändert. Sie mussten schon immer Nachrichten so schnell wie möglich durch die Lande schicken. Doch eine Tageszeitung, die es gewohnt war, zu einem späten Zeitpunkt am Abend ihre Informationen gebündelt in den Druck zu schicken, steht online vor einer völlig neuen Herausforderung. Sie muss ständig doppelt produzieren: so schnell wie möglich für das Internet und so intelligent wie möglich für die eigentlich bereits „veraltete“ Printausgabe des nächsten Tages.

Online first. Das Internet wird zuerst bedient. Diese Losung hat sich in fast allen Zeitungsverlagen durchgesetzt. Die schnelle, kompakte Information soll so schnell wie möglich an die Leser. Neudeutsch sind das die „Breaking News“, die im Fernsehen als Nachrichtenticker unter dem Sendebild durchlaufen. In den Online-Nachrichtenportalen managen Module die ständig wechselnden Inhalte. Es gibt Ticker und Galerien, weiterführende Newsletter, Links, Feeds und Clouds – je nachdem, wie ein Verlag seine Portalphilosophie definiert hat.

Terroranschlag in Istanbul. Die Nachricht verbreitet sich in Minuten. Weltweit. Bis nach Celle. Aber was ist mit der Forderung der Jungen Union Celles, an der Hohen Wende ein Start-up-Center einzurichten? Wie schnell muss diese (zweifellos für Celle bedeutsamere) Nachricht online sein? Und wie wird sie online und gedruckt aufbereitet?

Mit einem gewissen Anspruch an sich selbst reicht es der CZ nicht aus, die Pressemitteilung der Jungen Union abzudrucken oder in das Portal zu stellen und auf die Leser wirken zu lassen. Unsere Redaktion hat die Aufgabe, diese Nachricht „einzuordnen“ und dazu Stellungnahmen einzuholen oder abzugeben. Das braucht Zeit.

Tempo. Das wird auch im Lokalen zur obersten Maxime, wenn man als Zeitung im Wettbewerb steht. Die Nachricht muss erst einmal raus. Danach wird an der Einordnung gefeilt.

Qualität. Das erwartet der Leser von seiner CZ. Es betrifft nicht nur Grammatik und Rechtschreibung, sondern auch die Information als solche. Nutzwert, Tragweite, Konsequenzen. Wenn möglich, auch ein Kommentar.

Lesbarkeit. Heutzutage ein ganz wichtiger Aspekt. Gefühlt hat niemand mehr die Zeit, sich einen Text selbst zu erschließen. Er muss so geschrieben sein, dass schnell klar ist, ob er interessiert. Kurze, aber gezielte Erstansprache. Dazu bei Bedarf Hintergrund und Meinung.

Wenn die Zeitung am Morgen auf dem Frühstückstisch liegt, haben die Online-Leser die wichtigsten Teile längst konsumiert. Denn (fast) alle Beiträge der gedruckten Ausgabe sind bereits am Vortag online im CZ-Portal zu finden. Mit Bildergalerien und Videos versehen, bekommen sie sogar noch einen Mehrwert gegenüber dem Printprodukt. Theoretisch ist noch mehr denkbar: Downloads von Dokumenten, angehängte Quellen wie Pressemitteilungen oder auch weiterführende Links zum Thema. Schöne neue Zeitungswelt.

Aber so wie der Euro nur einmal ausgegeben werden kann, so ist irgendwann die Arbeitskraft eines Journalisten erschöpft. Die optimale Ausnutzung der unerschöpflichen Kapazitäten und Möglichkeiten des Internets erfordert Personalaufwand, der von einer Lokalzeitung nicht leistbar ist. Wir als CZ müssen uns entscheiden, wo wir die Zukunft unserer Lokalzeitung sehen. Liegt sie trotz aller Unkenrufe auf gedrucktem Papier? Oder müssen wir unsere Kraft in die digitale Welt stecken? Die Frage wird in den kommenden Jahren zu beantworten sein.

Möglicherweise wird die Cellesche Zeitung im Jahr 2030 nur noch im Internet publiziert. Möglicherweise kommt sie gedruckt nur noch am Samstag in den Briefkasten. Ein Nachrichtenportal wie im Moment hat sich dann auch überholt, weil das Smartphone den heimischen PC komplett verdrängt hat. Die CZ lässt sich dann online völlig individuell zusammenstellen – im Baukastensystem. Wer weiß das heute schon?

Veränderung ist nicht mehr nur das Ziel, sondern mittlerweile der Weg. Nie hatte Wilhelm Busch mehr Recht: „Eins, zwei, drei – im Sauseschritt läuft die Zeit, wir laufen mit.