©Marco Tiracio

Ein Nachmittag im Februar 2016: Die Ausgabe für den kommenden Tag steht – während die Layouter aus dem Bilderangebot der Fotografen die besten Motive auswählen und in die dafür vorgesehenen Boxen auf den Seiten ziehen, feilen die Reporter an ihren Beiträgen. Ein Celler DLRG-Helfer, der im Mittelmeer Flüchtlinge retten will, und der geplante Lückenschluss der Autobahn 39 zwischen Wolfsburg und Lüneburg und dessen Auswirkungen auf den Landkreis sollen am Folgetag die Hauptthemen im Lokalteil der CZ sein.

Redaktioneller Alltag halt – bis ein Telefonanruf alle Planungen über den Haufen wirft. Ein Leser berichtet von einem Großeinsatz der Polizei in Klein Hehlen und will etwas von einem Mord gehört haben. Sofort wählt ein Kollege die Nummer der Polizei, um die Aussage zu überprüfen. Und in der Tat: Es läuft ein größerer Einsatz, zu den Hintergründen aber gibt es aus ermittlungstaktischen Gründen zunächst keine weiteren Informationen. Fotograf und Reporter machen sich also auf den Weg zum mutmaßlichen Tatort, um eigene Recherchen anzustellen. Schließlich wollen wir unsere Leser am nächsten Tag umfassend informieren.

Weil wir aber nicht nur Zeitung produzieren, sondern im Internet rund um die Uhr Informationen liefern, wird die erste Information dort veröffentlicht. Mehr als 20.000 Zugriffe zählen wir am frühen Abend für den kurzen Beitrag, in dem Christopher Menge den Stand der Ermittlungen zusammenfasst. Jetzt aber beginnt seine eigentliche Arbeit, denn den Zeitungslesern wollen wir mehr bieten. Jetzt geht es um Hintergründe, um Emotionen

Die „Dresdner Rede“ hat Tradition. Seit mehr als zwanzig Jahren lädt das Staatsschauspiel Dresden gemeinsam mit der Sächsischen Zeitung an vier Sonntagen im Frühjahr Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik, Kunst und Literatur ein, „um über welthaltige Themen nachzudenken und zu diskutieren“. Im vergangenen Jahr lockte man dazu Giovanni di Lorenzo buchstäblich in die Höhle des Löwen, denn es war die Hochzeit der Pegida-Demonstrationen in der Stadt, als sich der Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“ dem Forum stellte. Mit seiner Rede hielt di Lorenzo den deutschen Journalisten schonungslos den Spiegel vor.

Die Pegida-Demonstrationen haben inzwischen an Bedeutung verloren und Celle ist nicht Dresden – gleichwohl lohnt ein näherer Blick auf die Ausführungen. Schließlich hat auch die Cellesche Zeitung in ihren hausinternen „Grundsätzen für die tägliche Produktion einer Qualitätszeitung“, die Grundlage unserer Arbeit sind, festgelegt, dass wir für unsere Leser „eine verbrauchernahe Qualitätszeitung produzieren“ wollen, für die Korrektheit, Genauigkeit, Zuverlässigkeit, Verständlichkeit und Aktualität einen hohen Stellenwert haben.

Es geht aber auch um Begriffe wie Nähe und Distanz. Nähe zum Leser, der erwartet, dass wir ihm Zusammenhänge und Hintergründe so erklären, dass er sich eine Meinung dazu bilden kann, ohne dass wir ihm diese aufzwängen. Deshalb müssen wir uns auch selbst immer wieder daran erinnern, dass Nachricht und Kommentar Dinge sind, die für den Leser für die Einordnung eines Themas zwar von großer Bedeutung, gleichwohl aber zu trennen sind.

Und es geht um kritische Distanz zu den handelnden Personen, was auf der lokalen Ebene nicht immer einfach ist. Zum einen lässt es sich im Einzelfall nicht vermeiden, dass sich die Protagonisten auch privat kennen und schätzen. Und man muss als Journalist einer Lokalzeitung auch damit umgehen können, dass man demjenigen, den man im Kommentar kritisiert hat, anderntags bei der Geburtstagsfeier eines Freundes plötzlich persönlich gegenübersteht. Hierzu heißt es in den hausinternen Grundsätzen: „Bei persönlicher Betroffenheit übergibt ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin das Thema an eine Kollegen oder eine Kollegin.“ So stellen wir sicher, dass wir nicht befangene Akteure, sondern kritische Begleiter einer Sache sind.

Bei der Themensetzung geht es darum, sich nicht etwa von der Terminlage der politischen Gremien in Stadt und Landkreis treiben zu lassen, sondern schon im Vorfeld sehr genau zu schauen, was sich hinter einem Tagesordnungspunkt verbirgt und wie dies die Menschen in ihrem direkten Umfeld betrifft. Hier liegt die Stärke der Tageszeitung – sie hat in Konkurrenz zu den elektronischen Medien oder dem Internet keine Chance, den Kampf um die schnelle Nachricht zu gewinnen; wenn sie aber die Hintergründe beleuchtet und die Menschen dazu befähigt, sich ein eigenes Urteil zu bilden, bleibt sie unverzichtbar.

„Wir sollten uns als Journalisten dringender denn je fragen, welche Rolle wir in dieser Gesellschaft spielen“, fordert Giovanni di Lorenzo. „Wollen wir Aufregung erhöhen, Treibjagden anheizen und Hysterien schüren? Oder das genaue Gegenteil davon tun, wofür ich dringend plädiere.“ In der Tat zeigt die praktische Erfahrung, dass die immer wieder gleichen Themen mit dem immer wieder gleichen Tenor der Berichterstattung viele Menschen abstoßen. Dies gilt für internationale Reizfiguren wie Donald Trump und Recep Tayyip Erdogan genauso wie auf lokaler Ebene, wenn zum Beispiel über Tage oder gar Wochen ein Thema die Seiten unseres Lokalteils beherrscht. Während wir auf die internationalen Protagonisten als Lokalzeitung keinerlei Einfluss haben, sieht das vor Ort ganz anders aus. So war der öffentliche Streit über eine mögliche Einflussnahme des neuen Celler Oberbürgermeisters auf eine Stellenausschreibung mit einem Schlag beendet, nachdem die CZ in einem Kommentar alle Seiten dazu aufgerufen hatte, die Angelegenheit nicht länger in der Öffentlichkeit zu diskutieren, sondern sich wichtigeren Sachthemen zuzuwenden. Und Reaktionen aus der Leserschaft zeigten, dass wir offensichtlich zumindest einigen mit dieser veröffentlichten Meinung aus der Seele gesprochen hatten.

Bei der täglichen Suche nach interessanten Themen ertappen wir selbst uns immer wieder dabei, dass wir vor allem solche im Blick haben, die einer kritischen Beleuchtung bedürfen. Das ist gut, solange es tatsächlich um die Aufdeckung von Missständen geht. Mindestens genauso wichtig aber ist es, dass wir auch jeder vermeintlich kleinen Story die Aufmerksamkeit widmen, die die Beteiligten verdienen. Soll heißen: Das Schlagloch vor der Haustür sollte ebenso einen Nachricht bei uns sein wie die Umgehungsstraße. Und wir brauchen viel öfter positive Schlagzeilen und Emotionen. In unseren Grundsätzen heißt es deshalb: „Bei allem Bemühen um kritischen Journalismus versuchen wir, durch die Berichterstattung über positive Ereignisse und unterhaltsame Geschehnisse unseren Lesern täglich auch Spaß und Vergnügen bei der Lektüre der Zeitung zu bereiten.“ Frei nach dem Motto: Nicht nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, sondern gern auch positive.

Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck hat bei der 50. Verleihung des Theodor-Wolf-Preises im Jahr 2012 gesagt, für ihn gehöre es zum Qualitätsjournalismus, „aus allem, was allzu aufgeblasen daherkommt, zunächst einmal die Luft herauszulassen“. Ein guter Journalist solle sich selbst nicht wichtiger nehmen als die Dinge, über die er schreibt. „Man merkt als Leser rasch, ob einer der Kollegenschaft beweisen will, was er für eine tolle Feder hat, oder ob einer zuerst für die Leser schreibt und ihnen die Welt darstellt, die komplexe Welt besser verständlich macht“, so Gauck. Dem ist wenig hinzuzufügen. Vor allem aber müssen Journalisten neugierig sein, sich bei ihrer Recherche nicht mit der erstbesten Antwort zufriedengeben, verständlich und fesselnd schreiben und ein Gespür für Themen haben, die die Menschen interessieren. Denn genau das unterscheidet sie von jenen Robotern, die heute schon automatisiert Sport- und Finanzberichte für die „New York Times“ verfassen.