Zusammenspiel von Mensch und Maschine

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Joachim Gries ©Archiv Joachim Gries

„Dein Text ist weg, du musst noch mal reinkommen.“ – Gerade war nach dem Sonntagsdienst zu Hause der Feierabend angebrochen, als mich der Anruf der Celleschen Zeitung erreichte. Auf dem Festnetz-Telefon natürlich, Handys gab es 1989 noch nicht. Nur Funktelefone, und die waren nahezu aktentaschengroß oder fest ins Auto eingebaut und sündhaft teuer – nichts für einen Redakteur und schon gar nichts für einen Volontär, der erst ein paar Wochen seiner Ausbildung hinter sich gebracht hatte. Alle Einwände halfen nichts, natürlich hatten die Kollegen in den endlosen Weiten des kühlschrankgroßen Festplattenspeichers nach dem Text von „jg“ gefahndet. Vergeblich.

Also wieder ins Auto, schnell nach Celle gefahren, in der Redaktion den Computer angeknipst. Nach der Aufheizphase erschienen auf dem kleinen Röhrenmonitor die glimmenden grünen Buchstaben. Angemeldet, die Kennung für den Text eingegeben, nach einem Sekündchen die Bestätigung: Außer einer Ansammlung von Steuerzeichen, der Überschrift und den ersten Worten blieb der Bildschirm leer. Das heimtückische Computersystem hatte wieder zugeschlagen: Wer zwei Mal hintereinander seinen Text abspeicherte – sicher ist sicher – der hatte ihn bis auf die ersten paar Worte ins Daten-Nirwana geschickt. Es half alles nichts: Der Dreispalter musste anhand der Aufzeichnungen und aus der Erinnerung noch einmal neu komponiert werden. Wenig später war dann tatsächlich Feierabend. Aus Schaden wird man klug.

Bald kam das nächste Computersystem, der Monitor wurde größer, die Schrift war schwarz auf weißem Grund (oder war es umgekehrt?). Mit Floppy-Disks konnte der PC darunter gefüttert werden, mit diesen schwabbeligen 5,25 Zoll-Disketten. Ganz fortschrittliche Mitmenschen brachten schon mal einen Text in dieser Form mit in die Redaktion. Damit die Texte immer schön frisch waren, erfolgte alle paar Monate ein penibles Aussaugen der Computergehäuse. Staubflusen sollten den Nachrichtenfluss durch IC-Bausteine und Transistoren nicht stören.

Bevor damals am Computer die Textproduktion für die nächste Ausgabe begann, war Handarbeit angesagt. Stand fest, womit der Leser in Text und Bild beglückt werden sollte, wurde auf dem zeitungsseitengroßen Spiegel skizziert, was wo, in welcher Länge und Form stehen sollte. Das linealartige Typometer nannte Zeilenzahl und Millimeter für Aufmacher und Aufsetzer, Kommentar und Meldung. Die Herren im „Glaskasten“ in der Technik brachten den Entwurf dann dem Computer bei. Jeder Text erhielt eine „Jobnummer“ – und dann machte jeder seinen Job.

Von jedem Job gab es einen Ausdruck, er wurde ausgeschnitten und auf den Spiegelbogen geklebt. Sparsame Kollegen polkten mit der Schere den letzten Rest aus dem Klebestift. War die Seite voll, übernahm „die Technik“. Im Fotosatz wurde Text für Text und Foto für Foto auf dünnem Fotopapier ausbelichtet und anschließend von den Metteuren ordentlich zur Seite zusammenmontiert. Schere und Skalpell kamen dabei zum Einsatz. Warmes Wachs fixierte die Ausschnitte auf der Pappe und bot zugleich die Möglichkeit, Texte oder Fotos bei Bedarf auszutauschen. Eine breite Gummiwalze sorgte für den notwendigen Druck.

Ende der 1980er-Jahre waren Faxgeräte groß in Mode. Rund um die Uhr quollen die Texte aus der Maschine. Was über Terminankündigungen hinausging, musste abgetippt werden. Es war die Aufgabe der früheren Setzer, die jetzt die Fremdtexte erfassten. Die Zeit der Redakteure, die sich nach einem Termin an die mechanische Schreibmaschine setzten und ihren Text in rasender Geschwindigkeit auf Papier brachten, der dann für das Computersystem erneut abgetippt werden musste, die war etwa Mitte der 1990er Jahre vorbei.

Die ersten Texterkennungs-Programme, die Fremdtexte ins System schleusen sollten, bescherten oft Ergebnisse zum Lachen. Sie machten nicht nur ein X für ein U vor, sie wussten fantasievoll jeden Knick im Papier als Text zu interpretieren.

War die ganze Zeitungsseite gebaut und vom technischen Leiter nach strenger Überprüfung freigegeben, wurde sie in der Litho von einer hängenden Kamera fotografiert. Ebenso großformatig war der Film, der von jeder Seite entstand. Spät am Abend wurden dann alle Filme ins Druckzentrum in Klein Hehlen gebracht. Dort trat die Druckvorstufe in Aktion. Mithilfe des Films entstand eine Metallplatte, die in der Rotationsmaschine dann die Farbe aufs Papier brachte. Wie das im Einzelnen passierte, erschloss sich dem Schreiberling eigentlich nie richtig. Er schlummerte ohnehin zu dieser Zeit schon dem nächsten anstrengenden Tag entgegen.

Die nächste Computer-Generation brachte dann „Wysiwyg“: What you see is what you get. Mehrere Programme wurden miteinander verzahnt. Bilder und Texte flossen zueinander. Der Ganzseiten-Umbruch ließ den Redakteur schon bei der Bearbeitung jedes einzelnen Textblocks erleben, wie die komplette Seite Gestalt annahm, wo noch glättend eingegriffen werden musste. Es musste anschließend nichts mehr geschnippelt und geklebt werden. Die digitale Welt machte auch den abschließenden Film von der Ganzseite überflüssig. Statt des Menschen mit dem Auto machten sich die Daten per Mausklick durch die Leitung zur Druckvorstufe auf den Weg.

Längst war da auch die Vierfarbigkeit bei der Zeitung eingezogen. Vor 25 Jahren waren Farbfotos in der Tageszeitung noch sehr aufwendig – Farbfilme konnten nicht im eigenen Haus entwickelt werden – die Agenturen lieferten von Großereignissen aus aller Welt erste Bilder über Datenleitung, später über Satellit ins Haus. Vier verschiedene Ausdrucke – alle wiesen nur Schattierungen von Weiß bis Schwarz auf – wandelten sich unter den magischen Händen der Experten in der Litho in prächtige Farbtöne.