Echte, schlimme Katastrophen. Die ereignen sich in der Regel ganz weit weg von Celle. Doch es gibt Tage, da kommt das Grauen direkt bis an die eigene Haustür. Der 3. Juni 1998 war so ein Tag. Als der ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“ in Eschede verunglückte und 101 Menschen starben, blickte die ganze Welt für einen Moment auf Celle. Die CZ-Redakteure Michael Ende und Joachim Gries haben die Katastrophe hautnah miterlebt – aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Michael Ende (mi)

Los, zackzack – kommste mit? Bahnunfall in Eschede. Mehr weiß ich nicht. Gerade eben passiert, lass‘ mal hinfahren!“ Als unser damaliger Fotograf mir am 3. Juni 1998 gegen 11 Uhr diese Worte zurief, dachten wir nicht lange nach. Er, der alte Hase, und ich, der junge Redakteur, griffen uns Kamera und Stift und Block, sprangen ins Auto und zischten los. Es versprach ein warmer, rundherum schöner Sommertag zu werden. Schwalben flitzten unter weißen Wolken übers Land. Wir flachsten während der Autofahrt, als wir daran dachten, dass uns wahrscheinlich irgendeine langweilige Lappalie erwarten würde. Ich tippte auf eine Güterlok, die an einer Weiche mit einer Achse aus den Schienen gesprungen sei und deren Räder nun neben der Spur stünden. „Hoffentlich kannst du das überhaupt so fotografieren, dass man sieht, dass da was nicht stimmt“, sagte ich zu unserem Foto-Mann. Er lachte: „Egal. Wir machen das Foto, und auf dem Rückweg halten wir irgendwo an und essen ein Eis.“ Das mit dem Eis wurde nichts.

Wir kamen in Eschede an, und zunächst einmal sah das Dorf aus wie immer: ziemlich ruhig alles. Als wir dann in Richtung Bahnhof abbogen, erblickten wir aus der Entfernung ein Durcheinander und Gewusel, das so gar nicht nach einem Zug aussah, der unspektakulär neben den Gleisen steht. Wir kamen näher und ich dachte: „Ach du Scheiße.“ Genau das. Übereinandergeschobene Waggons, erste Menschen, die versuchten, in die Waggons zu kommen, ein paar Feuerwehrleute, die nicht so recht wussten, wo sie anfangen sollten und einfach loslegten. Auch wir Medien-Leute mussten unseren Job machen. „Nimm alle Filme mit, die du im Auto hast“, sagte ich zum Fotografen. So schlimm das alles war: Ich wusste, dass wir da in eine ganz große Geschichte reingeschliddert waren.

Und wir waren buchstäblich mittendrin. Als wir als allererstes Reporter-Team ankamen, gab es längst noch keine Absperrungen, alles ging drunter und drüber. Während rings um uns herum Helfer versuchten, Überlebende und Tote aus dem riesigen Schrottberg zu bergen, der bis kurz vorher eine Hightech-Ikone gewesen war, dokumentierten wir die Ereignisse. Ich sprach mit Menschen, schrieb auf, was ich sah, betrachtete das Ganze wie ein schreckliches Bild, das ich ganz genau beschreiben wollte. Zuvor war ich mehrmals als Reporter in Bürgerkriegsgebieten in Bosnien-Herzegowina gewesen, hatte über Gewalt, Tod und Zerstörung berichtet. Auf dem Balkan hatte ich gelernt, das Grauen nicht allzu nah an mich heranzulassen. Und so versuchte ich auch mit dem Inferno von Eschede umzugehen. Ich sah zerfetzte Leichen, orientierungslose, schreiende Menschen, die in Panik herumirrten, verstörte Helfer, die angesichts des Elends weinten.

Für Gefühle hatte ich wenig Zeit. Da ich – vielleicht aus einer Ahnung heraus – das „Redaktionshandy“, damals das allererste Mobiltelefon der CZ, eingesteckt hatte, konnte ich den CZ-Kollegen erste Eindrücke durchtelefonieren. Doch meine Reichweite war erheblich größer. Das Handy klingelte. Ich ging ran. „This is CNN, Atlanta“, hörte ich. Und die Frage, ob ich live und auf Englisch fürs Fernsehen direkt vor Ort berichten könnte. Ich tat‘s. Dann meldete sich auch noch NTV, sodass ich für jeden der beiden Nachrichtensender alle halbe Stunde ein „News Update“ ablieferte. Später hat man mir gesagt, dass im Fernsehen sogar ein Bild von mir eingeblendet worden sei. Weltweit live on air: Wow! Erst als später genug Polizisten da waren, um den Ort des Geschehens abzusperren, war es irgendwann mit dem Berichterstatten direkt aus dem Hexenkessel vorbei. Am späten Nachmittag fuhr ich zurück in die Redaktion. Und schrieb meinen Beitrag für die CZ.

In den Tagen darauf stürzte sich die bundesdeutsche und internationale Medienmeute auf Eschede. Die Behörden organisierten einen regelrechten „Katastrophentourismus“ und kutschierten Journalisten-Gruppen auf Lastwagen-Ladeflächen zur Foto-Safari durch die abgeräumte Todeszone. Es schauderte einen, man war schockiert. Ein paar Tage lang. Dann war in der Welt der Nachrichten schon etwas anderes wichtiger.

Michael Ende

Joachim Gries (jg)

Der fährt ja viel schneller als der andere.“ Der Besucher des Wintervergnügens im Januar vorm Escheder Bahnhof hatte nur seine Beobachtung in Worte gefasst. Der ICE in Richtung Hamburg donnerte im hohen Tempo am Bahnsteig vorbei, während auf dem Nachbargleis der ICE nach Süden bei gedrosselter Geschwindigkeit den Ort passierte. Da war sie wieder, die Erinnerung an das ICE-Unglück vom
3. Juni 1998 und an die Tage danach. Als uns bewusst wurde, was geschehen war – und dass es noch schrecklicher hätte kommen können. Täglich begegnen sich Züge im Bereich des Escheder Bahnhofs. Damals war der
ICE nach Süden schon durch.

Als ich am 3. Juni 1998, einem sonnigen Frühsommertag, das Geräusch des Unglücks hörte, war ich der Zeitungsmann, der ins Haus lief, die Kamera, das Handy schnappte, sich ins Auto setzte, Richtung Rebberlaher Brücke fuhr.

Als ich Minuten später die Katastrophe vor Augen hatte, rief ich die Zeitung an: „Zugunglück in Eschede, ein Fotograf, ein Redakteur.“ Da heulten in Eschede die Sirenen. Der Fahrdienstleiter hatte den Lokführer über Funk informiert: „Du bist entgleist.“ Der vordere Triebkopf war abgerissen, als der erste Waggon des ICE den Zug bei voller Fahrt aufs Nachbargleis gelenkt hatte.

„Warum bist du hergekommen? Hau wieder ab.“ Fluchtreflex – ich blieb, die Kamera blieb im Auto. Aber wann habe ich erkannt, was da wirklich passiert war? Erste Anwohner versuchten zu helfen. Ich verschaffte mir einen Überblick und stieg die Brückenböschung hoch. Ich sah in ein Trümmermeer. Mittendrin ein einzelner Helfer neben einer Verletzten. Neben mir tauchte ein Mann auf. Überwältigt wie ich. Wir kletterten über die Kante, auf der schrägen Ebene der geborstenen Bücke nach unten. Betontrümmer, Koffer, Sitze, ein zermahlener ICE, dazwischen Menschen.

Ich hockte neben einer Frau, sie war ansprechbar, mit feinen Glassplittern von den Scheiben des Waggons übersät. Dort lag ein Kind, da waren ein paar Beine zu sehen. Neben uns türmten sich die zerfetzten Waggons, die der hintere Triebkopf gegen die zusammengestürzte Brücke gefaltet hatte.

Oben tauchten die ersten Feuerwehrleute auf, Sanitäter, die erste Trage wurde runtergereicht. Die Frau war eine der ersten, die aus den Trümmern auf der Brücke gerettet wurde. Wir reichten sie nach oben, halfen, weitere Menschen zu retten. Bald stand oben der Fotograf, machte Aufnahmen.

Ich fasste mit an, trug ein paar Verletzte zur Erstversorgung. Immer mehr Martinshorn aus allen Richtungen, immer mehr Hubschrauber in der Luft, beruhigende Geräusche: Hilfe im Anmarsch. Ich sammelte Eindrücke an der Unglücksstelle. Der fragende Blick eines Feuerwehrmanns, der über die abgerissene Oberleitung stieg, der hintere Triebkopf, der schräg im Schotter stand, bizarr verbogene Schienen, registrierte irgendwann die Seelsorger, den Notfallmanager, der auf der Brückenrampe abgedeckte Leichen zählte, die zusammengetragenen Koffer und Taschen. Als ich der Katastrophe nach zwei Stunden den Rücken kehrte, stand auf der Straße ein Konvoi aus Leichenwagen.

Aus den Eindrücken schrieb ich zu Hause den ersten Text für die CZ. Bald meldeten sich Medien aus ganz Deutschland, wollten Augenzeugenberichte. Anrufe auch aus den USA. Eschede im Fokus der Welt.

Ich musste mir damals neben der fehlenden Brücke klarmachen, wie dieser zerborstene Radreifen, der fünf Kilometer vor Eschede Kerben in die Schwellen schlug, die Weiche verstellte, den Zug ins Schleudern brachte, dessen Waggons dann die Streben der Brücke weghauten, sie zum Einsturz brachten, sodass sie eine tödliche Barriere für die folgenden Wagen wurde. Ich musste die Abfolge begreifen.

Ungewohnte Geräusche lassen mich noch heute lauschen – kommt da noch mehr? Sehe ich einen ICE, springen mir die schwarz umrahmten Fenster, die sich heute öffnen lassen, quasi ins Auge. Damals zerschlugen Feuerwehrleute mit Vorschlaghämmern die Scheiben, um in die Waggons zu kommen.

Die Bilder sind verblasst. Ich beschäftige mich nicht oft mit dem Unglück. Schreckliche Dinge passieren, ein Leben kann in Sekunden ausgelöscht werden. Die Frage, ob wir wirklich so schnell unterwegs sein müssen, die wurde damals ja nur kurz diskutiert. Es gibt nichts ohne Restrisiko. Und ich fahre gern mit dem ICE – selten allerdings. Als ich aus einem im Tunnel gestrandeten ICE evakuiert wurde, fühlte ich mich gut betreut.

Joachim Gries